Demografie stellt Zahnmedizin vor neue Herausforderungen
An der Entwicklung der Leitlinie waren neben der Deutschen Gesellschaft für AlterszahnMedizin (DGAZ) und der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) 16 weitere Fachgesellschaften und Organisationen beteiligt. Die Notwendigkeit einer Orientierungshilfe für die alterszahnmedizinische Versorgung liegt angesichts der demografischen Entwicklung in Deutschland auf der Hand. Diese stellt die Zahnmedizin vor neue Herausforderungen: Immer mehr ältere Menschen verfügen über eigene Zähne oder mitunter über komplexen Zahnersatz, während gleichzeitig Multimorbidität, kognitive Einschränkungen und Pflegebedürftigkeit zunehmen. Orale Erkrankungen verschieben sich in höhere Lebensalter, während Mundhygienefertigkeiten und Therapiefähigkeit häufig abnehmen. Das Thema Seniorenzahnmedizin ist komplex. Der Betreuungsbedarf ist schon heute groß und wird in Zukunft noch steigen.
Oral-geriatrisches Assessment für die Zahnmedizin
Hohes Lebensalter und/oder Pflegebedürftigkeit erhöhen nachweislich das Risiko für eine Verschlechterung der Mundgesundheit, was in der zahnmedizinischen Betreuung zu berücksichtigen ist. Gleichzeitig ist die Gruppe der Senioren sehr heterogen – von sehr fitten und selbstständigen Menschen bis zu gebrechlichen und pflegebedürftigen, geriatrischen Patienten. Entsprechend müssen Kommunikation, Therapie und Empfehlungen über die Behandlungsjahre angepasst werden. Für die Einschätzung nutzen Mediziner und Zahnmediziner verschiedene geriatrische Assessments. Die Leitlinie beschreibt ergänzend Aspekte eines oral-geriatrischen Assessments für die Zahnmedizin.
Weitere Empfehlungen und Statements thematisieren die praktische Umsetzung der Mundhygiene im Alltag. Zahnärztinnen und Zahnärzte sollen die häusliche Mundhygiene aktiv unterstützen und individuell geeignete Hilfsmittel empfehlen. Wenn ältere Patientinnen und Patienten auf Unterstützung angewiesen sind, sollen – nach deren Einverständnis – Angehörige und Pflegepersonen aktiv in die Mundpflege-Anleitung einbezogen werden. Für den Praxisalltag ist dabei entscheidend zu wissen, wie viel Unterstützung ein Patient benötigt. Ein bewilligter Pflegegrad kann helfen, diesen Bedarf einzuschätzen. Ob jemand seine Zähne oder eine Prothese tatsächlich noch selbstständig reinigen kann, zeigt sich darüber hinaus am besten, wenn man die Patientinnen und Patienten bittet, dies praktisch vorzuführen. Eine bloße Aussage, sich regelmäßig selbst die Zähne zu putzen, reicht dafür nicht aus.
Neben eingeschränkten Mundhygienefähigkeiten, die häufig durch eine deutliche Plaqueansammlung oder unzureichend gereinigten Zahnersatz sichtbar werden, gibt es auch Risiken, die nicht sofort erkennbar sind. Die Leitlinie empfiehlt daher, dass jede Zahnärztin und jeder Zahnarzt wegen der Aspirationsgefahr auch Schluckprobleme im Blick haben und – wenn nötig – z. B. über den Hausarzt oder Logopäden weitere diagnostische bzw. therapeutische Maßnahmen anregen sollte.
Praxiswissen als Grundlage der Leitlinie
Die geriatrische Zahnmedizin basiert in vielen Bereichen stärker auf klinischer Erfahrung als auf klassischen evidenzbasierten Studien. Die neue Leitlinie wurde deshalb bewusst als S2k-Leitlinie entwickelt – auf Basis eines strukturierten Expertenkonsenses mit konsensbasierten Empfehlungen und Statements. Sie enthält daher auch praxisnahe Hinweise, die in wissenschaftlichen Leitlinien selten sind. Dazu gehören etwa organisatorische und rechtliche Aspekte bei der Behandlung pflegebedürftiger Menschen, der Delegationsrahmen im Praxisteam sowie Anforderungen an eine möglichst barrierearme Praxisgestaltung.
Insgesamt gibt diese Leitlinie Behandlerinnen und Behandlern für die zahnmedizinische Versorgung geriatrischer bzw. pflegebedürftiger Menschen einen von Experten erarbeiteten Handlungsrahmen an die Hand, der für mehr Orientierung und Sicherheit im Praxisalltag sorgt.
Zahnmedizinische Betreuung geriatrischer Patienten
Erste S2k-Leitlinie zur Orientierung für die Zahnmedizin im Alter
Weitere Informationen zur S2k-Leitlinie „Zahnmedizinische Betreuung geriatrischer Patienten“ finden Sie online auf den Seiten der „Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften“ (AWMF). Hier können Sie die Leitlinie auch in der Langfassung einsehen und herunterladen. Den vollständigen Wortlaut der Pressemitteilung von DGAZ und DGZMK zur neuen Leitlinie lesen Sie auf den Seiten der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde.