Langfristiger Erhalt der Pulpaaktivität und Minimalinvasivität im Fokus
Die Leitlinie rückt den langfristigen Erhalt der Pulpaaktivität und die Minimalinvasivität in das Zentrum des klinischen Handelns. Über Jahrzehnte hinweg war die vollständige Entfernung aller infizierten Dentinstrukturen (nicht-selektive Exkavation) ein unumstößliches Dogma der Kariestherapie. Die neue S3-Leitlinie bricht auf Basis fundierter klinischer Daten mit dieser Tradition. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass die vollständige Exkavation bis ins harte Dentin bei Zähnen, ohne Anzeichen einer irreversiblen Pulpitis, das Risiko einer iatrogenen Pulpaexposition (Eröffnung des Zahnnervs) signifikant erhöht, ohne dabei einen Vorteil für die Langlebigkeit der Restauration zu bieten.
Für die tägliche Praxis favorisiert das Gremium stattdessen dedizierte Strategien zur Vitalerhaltung: Bei tiefer Karies wird in pulpanahen Bereichen die „selektive Exkavation bis in weiches oder festes Dentin (SE)“ empfohlen. Durch den randständig dichten, adhäsiven Verschluss der Kavität mit einer Restauration werden die verbliebenen Mikroorganismen inaktiviert. Als Alternative wird die schrittweise Exkavation (Stepwise Removal) aufgeführt. Beide Verfahren schonen nachweislich die verbliebene gesunde Zahnsubstanz und senken die Notwendigkeit nachfolgender endodontischer Folgeeingriffe drastisch.
Klinischer Verzicht auf indirekte Überkappungen im Routinefall
Ein weiterer praxisrelevanter Aspekt der Leitlinie betrifft den Einsatz von indirekten Überkappungen (Cavity Liners). Das Expertengremium evaluierte im Rahmen der Leitlinienarbeit umfassend den Nutzen von Linern nach der Kariesexkavation. Das Ergebnis ist eindeutig: Der routinemäßige Einsatz einer indirekten Überkappung liefert keinen konsistenten klinischen Mehrwert für den Erfolg der Restauration oder den Erhalt der Vitalität. Die Leitlinie empfiehlt daher, in Routinefällen auf diese zusätzlichen Schritte zu verzichten und den Fokus stattdessen auf ein optimiertes, randdichtes Adhäsivprotokoll zu legen, um Behandlungszeit und Materialkosten effizient abzuwägen.
Werkstoffkundliche Empfehlungen bei Pulpaexposition
Sollte es bei sehr tiefer Karies dennoch zu einer Exposition der vitalen Pulpa kommen, liefert die Leitlinie klare, werkstoffkundliche Leitplanken. Während Kalziumhydroxid historisch als Goldstandard galt, zeigen neuere klinische und radiologische Langzeitdaten die deutliche Überlegenheit von hydraulischen Kalziumsilikat-Zementen (HCSCs). Diese Materialien bieten eine exzellente Biokompatibilität, eine verbesserte mechanische Stabilität und fördern die Bildung von Tertiärdentin (Dentinbrücken) wesentlich effektiver.
Beim Vorliegen einer klinisch diagnostizierten irreversiblen Pulpitis verweist die Leitlinie auf neue, gewebeschonende Wege: Die partielle oder vollständige Pulpotomie (Kronenpulpaamputation) stellt bei Verwendung von HCSCs eine wissenschaftlich anerkannte, erfolgreiche Alternative zur vollständigen Wurzelkanalbehandlung dar.
Methodischer Hintergrund
Die S3-Leitlinie „Deep caries management“ (2026) wurde nach den strengen methodischen Vorgaben der „Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften“ (AWMF) und unter Anwendung des GRADE-Ansatzes (Grading of Recommendations, Assessment, Development and Evaluation) erstellt – für eine maximale Therapiesicherheit für Behandlerinnen und Behandler auf Basis höchster internationaler Evidenzstufen.
Beteiligte Fachgesellschaften
Die Leitlinie wurde unter Beteiligung der „Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung“ (DGZ) sowie der „European Federation of Conservative Dentistry“ (EFCD), der „European Society of Endodontology“ (ESE) und der „European Organisation for Caries Research“ (ORCA) erstellt.
Europäische S3-Leitlinie zum Management tiefer Karies
Pressemitteilung der DGZ
Den vollständigen Wortlaut der Pressemitteilung der „Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung“ finden Sie auf der DGZ-Website.
Zur neuen S3-Leitlinie mit der Möglichkeit eines PDF-Downloads gelangen Sie unter nachfolgendem Link.