Empfehlungen zur Stilldauer
Die Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“ entstand unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie der Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft. Insgesamt waren 26 wissenschaftliche Fachgesellschaften und Berufsgruppen beteiligt. In der systematischen Auswertung wurden rund 30 gesundheitsrelevante Endpunkte bei Mutter und Kind untersucht – darunter verschiedene Aspekte der mütterlichen Gesundheit. Auch Fragen zur Mund- und Zahnentwicklung spielen in der Leitlinie eine Rolle.
Die beteiligten Fachgesellschaften formulieren zwei zentrale Empfehlungen: Reifgeborene Säuglinge sollen in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich oder überwiegend gestillt werden. Darüber hinaus wird eine gesamte Stilldauer von mindestens zwölf Monaten empfohlen. Beim ausschließlichen Stillen erhält das Kind ausschließlich Muttermilch. Wird zusätzlich Wasser oder Tee gegeben, spricht man von überwiegendem Stillen.
Stillen und Mundatmung
Die Leitlinie diskutiert auch mögliche Zusammenhänge zwischen Stilldauer und Mundatmung. Hintergrund ist die Annahme, dass das Saugen an der Brust die orofaziale Muskulatur stärker beanspruchen könnte. Studien weisen darauf hin, dass eine Stilldauer von mehr als zwölf Monaten – und möglicherweise auch von über 24 Monaten – mit einem geringeren Risiko für bevorzugte Mundatmung verbunden sein könnte.
Stillen und frühkindliche Karies
Auch der mögliche Einfluss von Muttermilch auf die Entstehung frühkindlicher Karies wird in der Leitlinie betrachtet. ECC bezeichnet Karies im Milchgebiss bis zum sechsten Lebensjahr. Muttermilch enthält zwar Lactose, die theoretisch zur Kariesentstehung beitragen könnte. Gleichzeitig besitzt sie jedoch antibakterielle und potenziell schützende Bestandteile. Zudem gelangt die Milch beim Stillen überwiegend in Richtung Rachen und wird direkt geschluckt, sodass sie weniger lange mit den Zahnoberflächen in Kontakt bleibt. Die Studienlage zu diesem Thema ist allerdings uneinheitlich, weshalb belastbare Aussagen derzeit nur eingeschränkt möglich sind.
Stillen und Zahnfehlstellungen
Darüber hinaus wird in der Leitlinie der Zusammenhang zwischen Stillen und der Entwicklung von Zahn- und Kieferfehlstellungen betrachtet. Als mögliche Erklärung wird angeführt, dass beim Stillen die Muskulatur im Mund- und Gesichtsbereich stärker beansprucht wird als bei der Flaschenernährung. Einige Studien zeigen Hinweise darauf, dass Kinder, die gar nicht, nur unregelmäßig oder kürzer als sechs Monate gestillt wurden, häufiger Zahnfehlstellungen aufweisen als Kinder, die länger gestillt wurden. Auch hier wird die wissenschaftliche Evidenz jedoch als sehr niedrig eingestuft.
Der Leitlinienkoordinator der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Prof. Dr. Michael Abou-Dakn, betont, dass die Auswertung der vorhandenen Studien insgesamt auf schützende Effekte eines ausschließlichen oder überwiegenden Stillens über sechs Monate hinweist. Ein halbes Jahr Vollstillen sei für die meisten reifgeborenen Säuglinge gesundheitlich gut abgesichert. Mit der Empfehlung einer Stilldauer von mindestens zwölf Monaten werde zudem die langfristige Bedeutung des Stillens für Mutter und Kind unterstrichen.
S3-Leitlinie
Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung
Die vollständige Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“ ist online abrufbar.