Auf dem Prüfstand: Wie sinnvoll ist die Einlagerung?
Immer mehr Eltern in Großbritannien lassen Stammzellen aus den Milchzähnen ihrer Kinder professionell einfrieren. Die Idee dahinter: Die Zellen könnten eines Tages zur Behandlung schwerer Krankheiten genutzt werden. Doch eine Analyse des British Medical Journal (BMJ), durchgeführt von der Investigativjournalistin Emma Wilkinson, kommt zu einem ernüchternden Fazit: Der medizinische Nutzen dieser Dienstleistung ist derzeit nicht belegt. Neben ausbleibenden wissenschaftlichen Beweisen fallen vor allem die hohen Kosten auf. Eltern zahlen laut BMJ umgerechnet rund 2.200 Euro als Grundbetrag sowie jährlich 110 Euro für die Lagerung.
Große Werbeversprechen – wenig Evidenz
Drei britische Unternehmen bieten aktuell sogenannte Zahnbankservices an. Ihre Botschaft: Stammzellen aus Milchzähnen seien besonders jung und vital und könnten später helfen, Gewebe im ganzen Körper zu regenerieren. Einige Anbieter nennen sogar mögliche Anwendungen bei Erkrankungen wie Autismus, Diabetes, Multipler Sklerose oder Parkinson. Expertinnen und Experten, die Wilkinson befragt hat, widersprechen deutlich. Wissenschaftlich belastbare Informationen für Eltern fehlten, kritisieren sie. Die Stammzellbiologin Jill Shepherd betont, es gebe bisher keine ausreichenden Belege dafür, dass Zellen aus Milchzähnen langfristig für eine Therapie des eigenen Kindes überhaupt geeignet wären. Vielmehr werde ein Potenzial verkauft, das bislang nicht bestätigt ist. Die Entnahme und Lagerung von Milchzahn-Stammzellen ist technisch aufwendig: Der Zahn wird begutachtet, die Zahnpulpa entnommen, Zellen kultiviert, getestet und schließlich in flüssigem Stickstoff eingefroren. Theoretisch lassen sie sich unbegrenzt lagern. Doch genau hier liegt ein weiterer Punkt der Kritik: Viele spektakuläre Studien – etwa eine vielbeachtete chinesische Untersuchung zu Typ-1-Diabetes – arbeiten mit frischem und nicht mit gefrorenem Zellmaterial. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Internationaler Trend mit offenen Fragen
Auch in den USA wächst das Angebot kommerzieller Zahnstammzellenbanken, häufig direkt über Zahnarztpraxen. Eine Analyse von 2020 zeigt jedoch, dass sich viele Werbeaussagen auf Studien beziehen, die entweder andere Stammzellarten oder nur frühe Laborergebnisse betreffen. Das BMJ hat aufgrund seiner Recherchen Beschwerde gegen mehrere britische Anbieter bei der Advertising Standards Agency eingereicht. Die Behörde prüft nun die Werbeversprechen.
Milchzahn-Stammzellen im Check
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Die Studie „Banking baby teeth: companies may be misleading parents with outrageous claims“ wurde im British Medical Journal veröffentlicht.